Wenn ich vor fünf oder zehn Jahren eine Prognose hätte abgeben müssen, wie sich der Kartenspielmarkt entwickelt, wäre ich vermutlich ziemlich daneben gelegen.
Damals hätte ich erwartet, dass sogenannte Living Card Games (LCGs) langfristig stärker wachsen würden. Feste Erweiterungen, keine Zufallspakete, gleiche Chancen für alle Spieler – das schien aus Spielersicht wie das deutlich fairere Modell.
Heute sieht die Realität anders aus.
Trading Card Games sind präsenter denn je und erhalten auf der SPIEL 2026 sogar erstmals eigene internationale Auszeichnungen. Das wirft für mich eine spannende Frage auf: Stehen wir erst am Anfang einer noch größeren TCG-Welle?
Die Totgesagten leben länger
Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren vorhergesagt, dass das klassische TCG-Modell irgendwann an seine Grenzen stößt.
Zu teuer. Zu kompliziert. Zu stark vom Sammelaspekt geprägt.
Doch während viele LCG-Reihen eingestellt wurden oder deutlich kleiner geworden sind, erleben wir weiterhin erfolgreiche Sammelkartenspiele. Neben den etablierten Größen erscheinen regelmäßig neue Systeme, die innerhalb kürzester Zeit große Communities aufbauen.
Offenbar erfüllt das Sammeln, Tauschen und Optimieren von Decks ein Bedürfnis, das weit über das eigentliche Spielen hinausgeht.
Das soziale Element wird oft unterschätzt
Vielleicht liegt genau dort der entscheidende Unterschied.
Ein Brettspiel kaufe ich häufig für meine bestehende Spielgruppe. Ein TCG bringt dagegen oft seine eigene Community mit.
Turniere, lokale Spieltreffs, Tauschbörsen und Online-Diskussionen schaffen eine soziale Dynamik, die viele andere Spiele nur schwer erreichen.
Wer einmal Teil einer aktiven TCG-Community war, versteht schnell, warum diese Spiele eine so starke Bindung erzeugen können.
Das Problem namens „Pay to Win“
Trotzdem bleibt für mich eine offene Frage.
Denn der Vorwurf des „Pay to Win“ begleitet viele Sammelkartenspiele seit Jahrzehnten. Wer mehr Geld investiert, hat häufig Zugang zu stärkeren Karten oder zumindest mehr Möglichkeiten beim Deckbau.
Natürlich ist die Realität oft komplexer. Erfahrung, Deckbau-Kenntnisse und Spielstärke spielen ebenfalls eine große Rolle.
Dennoch bleibt die Herausforderung bestehen: Wie schafft man ein System, das wirtschaftlich funktioniert und gleichzeitig möglichst fair wahrgenommen wird?
Können neue Modelle entstehen?
Gerade hier sehe ich enormes Potenzial.
Vielleicht erleben wir künftig hybride Modelle zwischen LCG und TCG. Vielleicht werden digitale Komponenten stärker integriert. Vielleicht entstehen neue Wege, um Sammeln attraktiv zu machen, ohne den Wettbewerbsaspekt zu stark vom Budget abhängig werden zu lassen.
Die Branche hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie kreative Lösungen finden kann.
Deshalb glaube ich nicht, dass das aktuelle TCG-Modell das Ende der Entwicklung darstellt.
Was bedeutet das für die SPIEL?
Die neuen Auszeichnungen auf der SPIEL 2026 könnten ein Hinweis darauf sein, dass Trading Card Games künftig noch mehr Raum einnehmen werden.
Mehr Aussteller. Mehr Turnierflächen. Mehr Community-Events.
Vielleicht erleben wir in einigen Jahren eine Messe, auf der TCGs einen ähnlich großen Stellenwert besitzen wie klassische Brettspiele.
Ob das für alle Besucher eine positive Entwicklung wäre, darüber lässt sich sicherlich diskutieren.
Mein persönlicher Blick
Ich muss zugeben: Ich hätte die Entwicklung so nicht erwartet.
Nach dem Erfolg von LCGs schien es für mich plausibel, dass sich feste Erweiterungsmodelle langfristig stärker durchsetzen würden. Tatsächlich sieht es aktuell eher so aus, als hätten Trading Card Games ihre Position weiter ausgebaut.
Das macht die Entwicklung für mich aber umso spannender.
Denn unabhängig davon, ob man selbst TCGs spielt oder nicht, zeigt sie, dass die Brettspielbranche immer wieder Überraschungen bereithält – und dass Prognosen oft deutlich schwieriger sind, als sie zunächst erscheinen.
Wie siehst du das?
Glaubst du, dass Trading Card Games in den kommenden Jahren weiter wachsen werden? Oder erleben wir aktuell lediglich eine besonders starke Phase?
Und was hältst du vom klassischen Booster-Modell: zeitlos erfolgreich oder langfristig ein Auslaufmodell?
Schreib deine Meinung gerne in die Kommentare. Ich bin gespannt, wie du die Zukunft der TCGs einschätzt.
